buechlein

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Das grüne, abgegriffene Büchlein

Mein Büchlein, es ist für mich Hoffnung und Leben. Ja, das ist es. - Zärtlich
streichelte er das grüne, abgegriffene Büchlein in seiner Hand. Die Seiten waren
gefärbt von vielen Jahrzehnten, die ins Land gegangen waren. Er lag auf seinem Bett,
auf seiner Brust das grüne Büchlein, es bewegte sich mit jedem seiner Atemzüge. Er
lächelte bei dem Gedanken, daß alle doch gar nicht wissen, was für einen Schatz er
besitzt. Es ist etwas Wunderbares. Daran glaubte er fest. Seine Mutter hatte ihm das
Büchlein geschenkt, damals zu seinem fünften Geburtstag. Ein Jahr später starb sie
plötzlich und unerwartet. Ihre letzten Worte an ihn waren, daß er keine Angst haben
muß vor dem Tod. Er habe ja das Büchlein. Dann starb sie. Er liebte seine Mutter
sehr. Ihren Tod hatte er bis heute, viele, viele Jahre später, immer noch nicht
überwunden. Manchmal war es ihm, als ob sie in seinen Träumen zu ihm sprach,
dann war er wieder der kleine Junge. Sie erzählte ihm dann wunderschöne
Geschichten. Das hatte sie früher immer getan, als sie noch gelebt hatte. Jeden Abend
war sie an sein Bett gekommen und hatte ihm von Feen und Hexen, von Prinzen und
vielem mehr - so richtig konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Aber eine
Geschichte seiner Mutter hatte er nie vergessen. Am Abend vor seinem fünften
Geburtstag erzählte sie von einem Buch, in das man alle Zeit, die man nicht brauchte,
nicht verschwenden wollte, die überflüssig oder umsonst war, Zeit, die man sich
sparen konnte, eintrug. Wenn du das tust, sagte sie damals, dann wirst du immer
genug Zeit haben - bis ans Ende deines Lebens. Ist das wahr? fragte er damals seine
Mutter. Ja, sagte sie mit ernstem Gesicht und lächelte ihn an. Es ist wahr, du mußt
nur daran glauben.

Er hatte es bis heute getan; all die Jahre, die seitdem vergangen waren, hatte er
immer an die Worte seiner Mutter geglaubt. Sie erzählte viel über das Sparbuch der
Zeit, wie sie es zu nennen pflegte. Auch, wie man seine Zeit einlöst, die man gespart
hat. Nachts mußt du auf den Friedhof gehen und dir ein frisches Grab suchen, hatte
sie gesagt. Dann grabe das Büchlein, so tief es dir möglich ist, ein. Und weißt du,
warum auf den Friedhof? Er hatte den Kopf geschüttelt. Tote, sagte sie dann, kennen
keine Zeit. Es ist die Ewigkeit, die sie umschließt. Mit der Zeit der Lebenden können
sie nichts anfangen. Warum seine Mutter nicht so ein Zeitsparbuch hatte, wußte er
nicht. Er hatte auch nie danach gefragt, vielleicht hat sie ja doch eins besessen und
ihre Zeit eingelöst, bevor der Tod zu ihr kam.

Am Morgen seines fünften Geburtstags gab sie ihm das Büchlein und einen Stift. Du
darfst niemanden von diesem Büchlein erzählen, sie würden dich auslachen, sagte sie
ihm damals. Er hatte genickt, damals. - Es war niemals über meine Lippen
gekommen, es war mein Geheimnis, all die Jahre lang.

Was mein Arzt wohl dachte, als ich mit diesem Lächeln seine Praxis verließ? - Seine
Augen waren gegen die Decke gerichtet. Eine Kleidung bestand aus einem alten ,
seidenen Pyjama. Viel hatte er nicht in seinem Leben zustande bekommen, er hatte
sich die Zeit gespart und sie immer in sein Büchlein eingetragen - bis heute. Er lebte
in dem Haus seines Vaters. Es war baufällig, das wußte er, aber er wollte Zeit sparen
und konnte sich nicht um so unwesentliche Dinge kümmern. - Ich mache das alles,
wenn ich die Zeit einlöse, dann habe ich ja Zeit im Überfluß, die ich nicht
verschwenden will, denn nochmal könnte er nie soviel Zeit wie er jetzt hier in diesem
Büchlein stehen hat, sparen. - Es mußten Jahre sein, dachte er bei sich und streichelte
sanft das grüne abgegriffene Büchlein.

Er dachte an seinen Arzt.

Hätte ich nicht das Büchlein, sagte er zu sich selbst, was würde ich dann tun? Ich
weiß es nicht. Der Arzt hatte ihm mitgeteilt, daß er nur noch ein Vierteljahr zu leben
hätte; zu weit sei der Tumor schon in das Gewebe eingedrungen. Eine Operation - in
meinem Alter will ich das nicht mehr. Aber hier! Ich habe - seine Hand streichelte
das Büchlein liebevoll und zärtlich - noch viele Jahre, die ich leben werde. Dann
werde ich das Haus renovieren und all das machen, für das ich mir nie Zeit
genommen habe.

Zeit - sagte meine Mutter immer - ist wie Wasser, sie fließt dir durch deine Hände.
Nutze sie. Ja, ich werde sie nutzen, Mutter - sagte er laut.

Ihm war, als ob es dunkler geworden war. Er hatte geschlafen. Diese Schmerzen
hatten noch immer nicht nachgelassen. Ich weiß, daß ihr noch da seid, auch wenn ich
euch nicht so spüre wie vorhin. Aber ich merke euch, sprach er laut zu sich selbst.

Er war allein in dem Haus. Allein war er auch in seinem Leben gewesen; er war ein
Einzelgänger geblieben. Gewiß gab es das eine oder andere Mädchen, aber niemals
konnte eines sein Herz für lange Zeit erobern.

Morgen werde ich das Büchlein begraben - er nahm es in seine Hand und hielt es fest

- aber jetzt will ich schlafen, ich bin so müde. Tiefe Dunkelheit kam und nahm für
immer von seinem Leben und seinen Träumen Besitz.
Die Leichenbestatter wuschen seine Leiche. Für seine Habseligkeiten interessierte
sich niemand. Das grüne, abgegriffene Büchlein behielt er fest in seiner Hand. Und
die Ewigkeit nahm beide in ihre Obhut.

 



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