Das Fenster

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Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich den Horizont. Wie ein weites, blaues Band hat er sich um die Welt geschlungen, um sie wie ein Geschenk zu hinterlassen.
Wenn ich aus dem Aus der Ferne nehme ich die Wipfel der Bäume wahr - eigentlich kann ich sie nur erahnen.


Ich male, müssen Sie wissen. Die Farben habe ich mir selbst gemischt, zum Teil geschenkt be-kommen. Oft stelle ich eins meiner Bilder vor das kleine Fenster meiner Zelle. Dann sehe ich darin Häuser, Menschen, Blumen und gebe mich der Illusion hin, ich sei mitten darin. Irgend-wie bin ich das tatsächlich. Jedes Bild, das ich male, ist ein Teil meiner selbst.


Manchmal aber schaue ich nur aus dem Fenster und beobachte die Vögel, wie sie hoch am Himmel ihre Bahnen ziehen. Frei und unbeschwert, nicht fragend, was morgen sei, fliegen sie dahin - und ich mit ihnen. Wenn ich auf meiner Pritsche liege, verlasse ich träumend meine Zelle, die in den letzten zehn Jahren mein Zuhause gewesen ist. Ich reise mit den Vögeln über die Konti-nente dieser Erde, ziehe meine Bahnen mit ihnen, fühle den Wind in meinem Gefieder, bin glücklich, unbeschwert. Es sind nur Augenblicke, nie ist es von langer Dauer. Erst tot werde ich diese Zelle verlassen. Was ich getan habe, um in diese Lage zu geraten, ist hier nicht von weiterer Bedeutung. Eine Harm-losigkeit war es jedenfalls nicht.



Wie dem auch sei - Sie können es als Außenstehender nicht beurteilen, was mich bewegt haben mag damals; ich habe aufgehört, darüber nachzudenken nach all der Zeit. Ich habe mich an meinen Blick aus dem Fenster gewöhnt. Es sind vielerlei Bilder, die einander abwechseln. Gestern legte ich Brotkrumen auf den Steinvorsprung vor den Gitterstäben. Dann habe ich gewartet. Vögel haben die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wohin und wann sie wollen. Und wissen Sie, was das Schöne war: Sie kamen zu mir. Eine Schar Spatzen sammelte sich vor meinem Fenster und schilpte. Ich genoß es, ihnen zuzusehen.


Manchmal bin ich traurig, wissen Sie. Meine Zelle ist kahl, die Wände schmutzig weiß. Was ich male, darf ich nicht aufhängen, so bleibt das Fenster mein einziges Bild. Ich weiß nicht, was ich ohne es tun würde. Kontakt zu Mitge-fangenen ist verboten. Zuweilen spreche ich den ganzen Tag nicht, schaue nur hinaus, richte meine Augen gegen den Horizont und träume.


Einmal in der Woche holen sie mich ab. Dann - ich muß sagen, ich habe mich freiwillig dazu gemeldet - bin ich ein menschliches Versuchs-kaninchen. Ich weiß, was Sie jetzt von mir denken. Medizinische Versuche seien ein Selbstmord auf Raten. Nun, ich sehe es ein wenig anders. Für mich ist es ein Akt der Menschlichkeit, eine Art Sterbehilfe. Mir selbst das Leben zu nehmen, dazu fehlt mir der Mut. Ich überlasse es anderen, den Herren in weißen Kitteln, die meinen, sie wüßten über alles Bescheid. Der einzige bin ich nicht, der Gegenstand ihrer Forschung ist. Wie viele es noch sind, ist mir verborgen. Nur eines weiß ich sicher: Gestern ist einer von uns gestorben.


Ich wünsche mir den Tod. Mit meiner gesundheitlichen Verfassung ist zur Zeit alles in Ordnung, jedoch - eigentlich ist es nicht der Rede wert, da es noch nicht vollständig von mir Besitz ergriffen hat. Der Arzt meinte, die Ursache liege im seelischen Kummer; ich sollte mehr unter die Leute gehen. Ein köstlicher Witz. Was meinen Sie, wie wir gelacht haben.


Gelacht - nein, nicht wirklich. Die Diagnose ergab Krebs. Und jetzt - die Versuche, die sie mit mir machen - es sind nun allerlei Mittel-chen, die das Geschwür besiegen sollen. Und wissen Sie, mit welchem Ergebnis: Daß der Tumor mehr und mehr in mir wuchert.


Mir kann es recht sein. Ich will nicht mehr. Was ist dies für ein Leben? Ich bin sehr froh über mein Fenster. Das blaue Band des Himmels - Vögel, die wie Perlen an einer Kette ihre Bahnen ziehen - all dies ist wahres Glück für mich. Sehe ich hinaus, fühle ich mich frei. Wie ein Zauberer lasse ich den Horizont verschwinden und stelle eines meiner Bilder vor das Fenster. Ich fühle mich schwach, möchte sterben. Ob ich den Herren Doktoren erzählen werde, daß ich heute morgen Blut gespuckt habe, weiß ich nicht. Ich habe mir immer gewünscht, ein Zauberer zu sein - längst wäre ich dann nicht mehr hier, sondern wäre ein Vogel am Horizont. Ein jeder meiner Flügelschläge... -


ach wüßte ich doch, ob es ein nächstes Leben gibt!



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