Luderskows Welten

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Eine Straße, so lang wie ein Leben

 

Eine Straße, sie erschien so lang wie ein Leben. Ihr beider Leben war verbunden mit einem Band aus Blut. Er war ihr Vater, ihr Schöpfer, er hatte sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Wer ist sie? Gibt es Bilder von ihr? Viele gibt es, in denen jeder Betrachter wiederum etwas anderes von ihr erkennt. Es ist nicht nur die Gestalt, es ist ihr Inneres, was ein Bild von ihr so einmalig macht für jeden, der sie kennt, zu kennen glaubt. -

Ihr Vater hatte sie eingeladen, mit ihm ein Stück seines Weges zu gehen. Einen gemeinsamen Weg sind die Beiden viele Jahre gegangen. Sie war stets das Kind an der Seite des Vaters gewesen. Er, so hatte er gesagt, wollte mit ihr reden. Was das hieß, wußte sie nur zu genau. Es würde die Zeit der Vorwürfe sein. Ihr Vater hatte ein Bild von ihr - wie jeder, der ihr begegnete, einmal ein festes Bild von ihr gewonnen hatte daran festhielt. Veränderungen waren dabei unerwünscht. Das Bild ihres Vaters von ihr war wie eine Schablone, in die sie gepreßt werden sollte, aber in die sie nicht hineinpassen konnte und wollte.

„Meine Tochter! Mein Kind! Es ist schön, dich endlich mal wieder nach all der langen Zeit zu sehen! Schön, daß du Zeit hast für deinen alten Vater!"

War das nicht wieder ein Vorwurf? Zeit haben für ihn? Endlich mal wieder? Wozu dienten diese Worte, fragte sie sich? Sie sagte jedoch: „Hallo, Vater", mit jener Distanz, die sie sich seit Jahren ihm gegenüber angewöhnt hatte. Keine Umarmung. Nichts. Gewiß war er nun enttäuscht. Aber das war ihr gleichgültig. Wußte er, wie groß meine Enttäuschung all die Jahre gewesen war, als -. Ihr Vater sprach plötzlich und unterbrach ihren Gedanken; inzwischen gingen sie auf einer langen Straße entlang. Eine Straße, so lang wie ein Leben, dachte sie noch.

„Mein Kind", sagte der Vater ernst, „ich muß mit dir reden." Also doch eine Moralpredigt. Ich habe es gewußt, dachte sie. Aber verbarg ihre Gedanken, kopfnickend. „Ich muß etwas besorgen, Vater", sagte sie schließlich, „ich hoffe, es stört dich nicht." Seine Augen reagierten böse. Dabei hatte er diese Straße für ihren gemeinsamen Weg vorgeschlagen - aber warum sollte sie nicht das Unangenehme mit dem Angenehmen verbinden. -

Daß auch kein falscher Gedanke aufkommt - ja, sie liebte ihren Vater. Das wußte ich. Sie hatte es mir mehr als einmal gesagt. Sie hatte mir all das erzählt und ich habe fein säuberlich alles aufgeschrieben. Ich weiß nicht warum, aber es ist, als ob ich mit eigenen Augen die Szene beobachtet hätte. Sie kann so wunderbar erzählen, so lebhaft! -

Die Straße war sehr lang. Sie wirkte wie ein Band, an deren Seiten die Geschäfte wie Perlen an einer Kette aufgereiht waren. Es war bunt, ein wenig laut. Es war die Straße des Lebens für die Menschen, die auf ihr gingen. Ihr Vater sagte nichts. Er hatte Tränen in den Augen. Ob er auch um sie geweint hatte? „Mein Kind", sagte er. Warum muß er immer ´mein Kind´ sagen, warum? dachte sie. Ich bin erwachsen. Erwachsen! Eigentlich müßte es heißen: Entwachsen - aus dem, was vor langer Zeit ihr Kindsein bestimmt hatte. Er schien sie doch besser zu kennen, als sie es wahr haben wollte, denn er sagte: „Ich weiß, daß du heute schon längst kein Kind mehr bist - aber für mich bleibst du es immer." Er sah sie plötzlich mit seinen blauen Augen liebevoll, nahezu zärtlich an. Vater war alt geworden nach Mutters Tod. Wie er wohl damals gewesen sein mag, dachte sie. Eine Ewigkeit lag alles zurück. Ihr schien, als sei es alles niemals wirklich geschehen. Seltsam, daß sich alles ändert, folgte sie ihren Gedanken. Sie hatte sich weiterentwickelt seit damals, es zumindest versucht. Aber ihr Vater - ihm hatte die Kraft gefehlt, sich jedweder Veränderung nach Mutters Tod anzupassen, er war im längst Zurückliegenden stehengeblieben. „Kind", sprach ihr Vater sie an, „meine Tochter! Ich habe einen Wunsch." Sie waren plötzlich stehengeblieben und ihre Blicke trafen sich. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll - bitte erzähle mir von dir!" Sie sah ihn erstaunt an. Was meinte er damit? Wollte er sie auf den Arm nehmen? Ich bin erstaunt, dachte sie. Nie hatte er sich jemals für sie oder ihr Leben interessiert und jetzt eine solche Bitte? „Warum, Vater? Von mir?" sah sie ihn fragend an. Sie wollte endlich weitergehen. Nach all dem, was geschehen war, hatte sie an den Anwandlungen ihres Vaters, sie 'kennenzulernen', kein Interesse mehr. „Ich werde sterben", sagte er betonungslos. Erschrocken wandte sie sich zu ihm um. „Sterben müssen wir alle mal" - „Das weiß ich" unterbrach sie ihn hart. Wieso sterben, schoß es ihr durch den Kopf? Versuchte er einen schlechten Scherz mit mir? „Tochter, ich war beim Arzt. Wenn Gott will, lebe ich noch vier Wochen." - „Warum, Vater, aber warum? Ich verstehe nicht!" Sie hatte Tränen in den Augen und ihre Stimme versagte. „Ich bin sehr krank. Ein bösartiger Tumor. Er hat von meinem Herzen schon Besitz ergriffen." - Mein Vater hat ein Herz? Das sollte mich wundern. Also ein Tumor. Das würde vieles erklären. War das alles? Ich weiß es nicht und wenn ich ehrlich bin - ich glaube ihm nicht. Er sah ihren Unglauben. Ihr Gesicht war weiß wie Schnee. Ihre Augen, so blau wie die seinen. Sie war klein, schien fast zerbrechlich, lang legte sich ihr braunes Haar über ihre Schultern. „Ich weiß, daß du mir nicht glauben willst. Ich kann es sehen. Aber ich mache damit keine Scherze, Tochter. Ich wollte dich sehen, mit dir sprechen, dich kennenlernen...erfahren, wer du wirklich bist. „Und wie willst du mich kennenlernen?" entgegnete sie. „Erzähl mir, was dich ausmacht", bat er. „Was sehen die Menschen in dir, denen du begegnest?" - So hatte er sich immer verhalten. Erst daran zu denken, was andere von ihm erwarteten. Der Satz, den er ihr eingebleut hatte...sie dachte kurz nach, bevor es ihr einfiel: „Und die Leute? Was würden denn die Leute sagen?"

„Was die Menschen über mich denken? Ist der Blick der anderen auf mich wichtiger als das, was ich wirklich bin? Menschen formen sich doch eine eigene Vorstellung über mich!" sagte sie. Inzwischen waren sie weitergegangen. Eigentlich hatte ihr Vater es immer gehaßt, beim Erzählen weiterzugehen. Sie, wenn sie ehrlich war, auch. Aber dennoch machte es ihr eine fast kindische Freude, sich gerade deshalb in ihrem Schritt nicht aufhalten zu lassen. Der Vater blieb stehen. „Tochter, bitte warte! Du verstehst nicht! Zuviel habe ich falsch gemacht. Ich kann es doch nicht mehr ungeschehen machen! Eine Entschuldigung könnte ein Anfang sein. Doch ich selbst halte ja nichts von solchen Floskeln." - „Ich weiß!" - „Nicht meine Worte können zählen, sie können nur eine Brücke sein für eine Geste. Ich möchte anfangen. Ich möchte nicht sterben, ohne daß -" er sprach nicht gleich weiter. Dann sagte er:"Es war eine dumme Idee, ein wirklich dummer Gedanke!" Er machte kehrt und schritt mit hängendem Kopf den Weg zurück, den sie gekommen waren. Inszenierte ihr Vater jetzt sich selbst? Nein, ich laufe ihm jetzt nicht nach! „Vater! Vater! so warte doch! laufe nicht weg! bitte!" Er blieb stehen. Ein Tränenrinnsal verlief jetzt bis in seine Mundwinkel. „Tochter! Ich" - „Sei bitte ruhig, Vater. Du willst mich kennenlernen. Gut." Sie hakte sich bei ihm ein - das erste Mal seit langem. „Ich habe dich lieb, Tochter" sagte der Vater und drückte sie ein wenig an sich. Es ist seltsam, das zu hören. Ich habe es lange vermißt. „Ich weiß, daß du es nicht oft von mir gehört hast. Aber, mein Kind, ich kann so etwas nicht zeigen, weil ich ein Mann bin." Ein Mann! Natürlich, dachte sie. Die können ja keine Gefühle zeigen - solange du daran glaubst, Vater...Sie gingen schweigend weiter, die Straße hinab, die so lang war wie ein Leben. Sie spürte, daß sie ihm nun alles zeigen wollte. All das, was ihn nie etwas hatte angehen sollen, wie sie meinte. Deutlich spürte sie ihre Angst. Früher hatte er sich in alles eingemischt mit einer fast unheimlichen Leichtigkeit und alles zerstört, was ihr etwas bedeutet hatte. Wie ein Elefant war er durch ihre Kindheit und Jugend gerast, sie vor anderen lächerlich gemacht. So hatte sie es immer gesehen. Aber es gilt, diese Angst zu überwinden, wurde ihr bewußt. Vater hat es sich gewünscht als letzten Willen sozusagen. „Bist du oft hier, Vater?" - „Nein, Tochter, das erste Mal. Jemand erzählte mir einmal von dieser Straße. Seltsam", schien er laut zu denken, „mein ganzes Leben bin ich in dieser Stadt gewesen, ohne diese Straße jemals gesehen zu haben! - Und du, Tochter, kennst du das alles hier?" - „Nein, Vater! Was hat man dir über diese Straße erzählt? Sie erscheint mir so anders als alles, was ich kenne!" Warum sie so empfand, wußte sie nicht. Lag es daran, daß sie jetzt Arm in Arm mit ihrem Vater hier entlangging? Oder daran, daß in diesen Augenblicken ein längst totgeglaubtes Gefühl begann, immer mehr von ihr Besitz zu nehmen? Ja, sie liebte ihn - wie ein Kind seinen Vater liebt. Und nach all den Jahren hatte sie zum ersten Mal den Eindruck, daß auch sie ihm nicht gleichgültig war. Er wollte sie kennenlernen! Sie drückte ihn fest an sich. Er lächelte.

„Man sagte mir, daß es eine Straße ist, die so lang und bunt und laut ist wie ein Leben voller Ereignisse." Er sah sie erwartungsvoll an. Sie kannte diesen Blick. Schon damals, als sie noch klein war, hatte er mit genau diesem Blick von ihr etwas erwartet. Er wollte, daß sie etwas aus ihrem Leben mache, da er selbst ja nie die Möglichkeiten dazu gehabt hatte. Doch erzählte sie ihm von ihren Träumen, pflegte er zu sagen: 'Ich habe zu meiner Zeit auch nach den Sternen gegriffen! Bleib mit deinen Füßen auf dem Boden der Tatsachen und tu nur das, was du wirklich schaffen kannst!' Nie erfuhr sie Unterstützung bei ihren Wünschen, von Flausen sprach er, die sie sich in den Kopf gesetzt habe! Er maß ihr Leben dann an seinem eigenen. 'Das sind meine Zensuren, sieh nur! Nur Einsen und Zweien! Und Du? Hast Dreien oder Vieren!' Diese Erziehung trug Früchte: Sie begann, sich dumm zu fühlen und böse. Irgendwann hatte sie gelernt, keine Widerworte mehr zu sagen. Nach außen schien es, als hätte sie sich seinen Vorstellungen angepaßt. Was sie tatsächlich dachte und wollte, blieb ihm fortan verborgen. Er hätte ja alles zerstören können.

Ihr Vater hatte ihre Gesichtszüge beobachtet, während sie ihre Gedanken verfolgte. Erst jetzt nahm sie es wahr. Irgendwie war es ihr unangenehm. Was wollte ihr Vater nach all den Jahren? Warum starrte er sie so an? Wut stieg in ihr hoch. Wollte er ihr Lebenswerk zerstören? Wollte er sich wieder einmal hervortun? „WAS WILLST DU?" brach es aus ihr heraus, schreiend. Abrupt riß sich der Vater von ihr los.

„Jetzt sage mir nicht, daß ich ruhig sein soll, weil alle Leute schauen!" Sie drehte sich einmal um ihre Achse als sie weitersprach und zeigte mit dem Finger auf die Passanten um sie herum. „Damit du es weißt: Es ist mir gleich, was die dort von mir denken - was du von mir denkst, Vater", schrie sie heraus.

Seine Augen, die voller Leben waren, wurden plötzlich traurig. „Was ich will? Mit dir reden. Ich weiß, vieles habe ich falsch gemacht." Bei diesen Worten drehte ihr Vater seinen Kopf gen Himmel. „Gott allein kann mir diese Schuld vergeben. Bei dir kann ich mich nicht entschuldigen, Tochter. Zu oft habe ich in deinem Leben herumgepfuscht. Aber ich kann dich darum bitten, daß du mich nimmst, so wie ich bin - hier und jetzt." Er sah sie an und ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Sie hatten alles um sich herum vergessen. Die Menschen, die auf sie gezeigt hatten. Die Straße, die ein Leben lang in die Ferne führte. „Vater - ich kann nicht vergessen. Ich muß über das alles sprechen. Aber ich glaube, ich kann es nicht mit dir." Sie blickte ihn an. „Ich möchte, daß wir Freunde werden. Ich muß lernen - wie du auch - daß wir zwei Menschen sind, die zwar aus demselben Blute sind aber doch so verschieden in ihrem denken und handeln." - „Ja, das stimmt", gab ihr der Vater recht. „So habe ich früher nie gedacht. Ich habe dich zu einem Abbild meiner selbst machen wollen. Und jetzt - stehe ich am Ende dieser Straße, am Ende meines Lebens. Ich muß erkennen, daß ich wie du bin und du wie ich bist. Und doch sind wir verschieden. Ich war auch anders als mein Vater, auch wenn ich ihm in vielem gleiche. Einst lehnte ich es ab, so zu sein wie er - ich war in deinem Alter, Tochter. Ein Teil von ihm lebt in mir weiter. Verzeih, Tochter, daß ich nicht sah, daß ich nicht sehen wollte!"

„Vater, du scheinst nicht verstanden zu haben!" warf sie ein. „Ja, vielleicht nicht", erwiderte er mit einem Blick, der an ihr vorbei in der Ferne sein Ende zu finden schien. Ihre Augen versuchten, diesem Blick zu folgen. „Was ist, Vater? Geht es dir nicht gut?" - „Doch, doch..." sein Blick wurde abwesend, aber er schaute sie an. Sie sprach weiter: „Laß uns noch ein wenig hinsetzen! Da – dort hinten ist eine Bank! Und nachher koche ich noch für uns!" Er antwortete nicht.

Sie waren angekommen am Ende der Straße. Waren es nur Minuten gewesen? Oder Stunden? Tage? Wie lange ihr gemeinsamer Weg gedauert hatte, war jedem von ihnen entglitten. Einzig wußten sie, daß es die Straße des Lebens war, auf der sie sich so nah wie nie zuvor gewesen waren. "Tochter!" sagte er. Es klang kläglich, fast wie ein Röcheln. "Tochter!" Gedankenversunken merkte sie nicht, daß ihr Vater Schmerzen hatte. Sein Gesicht war plötzlich verzerrt, Tränen standen im in den Augen. "Er hat recht gehabt! Tochter, er hatte recht!" Fragend sah sie ihn an. Wen meinte er? Und womit hatte jemand recht? Ihre Augen verrieten ihre Gedanken, ihre Blicke wurden zum Gespräch. "Der mir über die Straße erzählt hat. Bist du am Ende dieses Weges angekommen, so ist auch dein Leben zu Ende. Das waren seine Worte. Ich hatte gedacht, daß er in einer Metapher spricht – in einem Sinnbild." - "Vater – du redest doch Unsinn!" - "Möglich, Tochter. Aber ich merke, daß ich sterben werde!" - "Nein, VATER, bitte...sag so etwas nicht! Bitte, Vater, ich liebe dich." Sie weinte, hatte ihre Arme um ihn geschlungen, versuchte ihn festzuhalten. Er entglitt ihr und sank langsam zu Boden. "Tochter, höre auf zu weinen!" - "Ich liebe dich!" schluchzte sie auf. "Darauf habe ich gewartet, meine Tochter. Das habe ich einmal hören wollen." Seine Stimme, sonst wie ein Donnerhall, wurde schwach. "Kind" – "Ja, Vater" – "Jetzt weiß ich, daß ich all die Jahre recht hatte! Die Sorge um dich braucht mich jetzt nicht mehr zu begleiten." - "Was weißt Du jetzt, Vater?" - "Ich weiß -", schluckte er schwer und preßte seine Hände an sein Herz. Sein Gesicht war zu einer Grimasse erstarrt. Ach könnte ich dir nur helfen, Vater! dachte sie. "- daß du mir geholfen hast, Tochter, ohne es zu wissen. Du bist wie ich und ich bin wie du." Mit diesen Worten starb er in ihren Armen.

Lange, so hatte sie mir später erzählt, saß sie dann noch dort an jener Straße. Auf dem Antlitz ihres Vaters meinte sie, trotz des Todes ein Lächeln zu erkennen. Nie hatte sie jedoch darüber gesprochen, was er ihr tatsächlich angetan hatte. Eins fällt mir auf, je mehr ich über sie nachdenke: Sie, die, es liebte, sich immer wieder ob ihrer Unabhängigkeit zu brüsten, hatte stets mehr an ihrem Vater gehangen, als sie es je hätte zugeben wollen - nicht einmal sich selbst gegenüber



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