Er lebte für die Nacht

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Er lebte für die Nacht

In der Nacht erschien sie mir immer in meinen Träumen. Sie, die ich hatt´ verloren, sie, die ich immer noch liebt´.

Ihre weiße Haut, ihr schlanker Körper, ihre festen Brüste, ich spürte sie, ich roch ihre Haut, ihr goldenes Haar. Es war schön. Schön, bis ich erwachte, schön, bis der Tag begann zu fordern. Es war schön ihr liebes Gesicht und ihre Lippen, die mich zum Abschied küßten. Es war ein Hauch nur, aber mein Herz wollte sie halten und niemals mehr fortlassen. Der Tag brach an. Und ich glaubte immer noch ihren Duft zu riechen, aber die Seite an meinem Bett war leer, ich war allein.

Sie, die ich liebte, hat mein Herz mit in ihr kühles Grab genommen. Sie war tot. Ermordet, ermordet von mir, erdrückt habe ich sie mit meiner Liebe. Nie wich ich von ihrer Seite, bis sie eines Tages keinen anderen Ausweg sah als ihren Tod, um sich wenigstens ein paar Stunden des Tages besinnen zu können. So schrieb sie es mir. Nachts sei sie bei mir, so waren ihre Worte auf dem Stück Papier, das ich immer mit mir führte. Ach hätte sie doch nur ein Wort gesagt, ich hätte alles getan, damit sie glücklich wäre gewesen, alles. Aber meine Gedanken hatten nur mir gegolten.

Mein Schlafgemach war dunkel. Die Dunkelheit, die ich liebte, bot mir Schutz vor der Welt da draußen. Seit ihrem Tod hatte ich mein Haus nicht mehr verlassen, dessen fünf Zimmer sämtlich abgedunkelt waren. Bis heute. Es war mir nicht wohl bei dem Gedanken, unter Menschen zu gehen, aber ich mußte.

Beerdigt war meine Liebste im Garten unter ihrem Lieblingsbaum, es war eine wunderschöne stolze Trauerweide. Im Dunkeln habe ich sie bestattet, der Priester, der anwesend war, verweigerte ihr den Segen mit der Begründung, daß Selbstmörder in die Hölle fahren sollten. Aber sie war mein Engel der Liebe.

Heute muß ich das Haus verlassen. Mein Advokat verlangte nach mir und da es mir nicht möglich war, ihn zu erreichen, muß ich seiner Bitte nachkommen und ihn aufsuchen. Ich fühle mich heute trotz meiner 26 Jahre wie ein alter Mann. Als meine Liebste, mein Engel, noch lebte, als wir zusammen waren, war ich wie auf Wolken gebettet. Sieben Jahre hatten wir glücklich gelebt und uns geliebt - bis zu ihrem Tode!

Ich zog meinen Anzug an, den sie mir einst hat gemacht zu unserer Verlobung. Der Tag, er wartete auf mich hinter dieser Tür. Hinter dieser Tür, schwer aus Eiche mit Verzierungen und und Schnörkeln wie es einem Edelmann, der ich war, sich gehörte.

Ich mußte mich wieder um meine Geschäfte kümmern, mein Advokat, er führte zur Zeit meine Geschäfte. Ich muß durch diese Tür gehen, den Tag begrüßen und wieder Leben, sagte ich mir. In der Nacht aber da werde ich warten bis sie mich berührt. Mich küsst.

Er faßte den Knauf der Tür und zog an ihm. Die Tür sie öffnete sich langsam, knarrend zerstörte sie nicht nur das kunstvoll gewebte Spinnennetz, sie zerstörte auch die Stille des Hauses. Die Stille, die das Haus umgab, war so könnte man meinen, die eines Grabes. Jetzt konnte man ihn sehen, wie er im Rahmen seiner Tür stand, blinzelnd, da er die Sonne seit vielen Monaten nicht mehr gesehen hatte. Die Geschäfte, seine Geschäfte gingen schleppend, so wie er - schleppend mit schwerem Schrit, bewegte er sich langsam von seinem Hause fort. Die Tür fiel mit lautem Knarren ins Schloß, das Haus lag wieder im Stillen, allein, mit weit aufgerissenen blinden Augen schien das Haus in die Gegend zu starren. Alle Fenster waren bemalt mit Farbe, damit keine Sonne ins Innere dringen konnte. Im Inneren des Hauses gab es seit ihrem Tode nichts mehr, die Möbel waren zerschlagen. Er habe es in der Nacht getan, erzählen sich die Leute, als er sie leblos in ihrem Hochzeitskleide fand. Spinnenweben erfüllten die Räume, aber er sah dies alles nicht. Auch jetzt schien er nichts zu sehen. Die Menschen, die stehen blieben, lachten, zeigten mit Fingern auf ihn. Er schien nichts mehr wahrzunehmen, lebte er doch in seiner ganz eigenen Realität, er lebte nur für die Nacht, für seine Liebste, die sich tötete, zumindest in seiner Realität. War dies aber alles so, aber wie war es wirklich, die Menschen hier erzählen sich viel, es wird getuschelt, er habe sie umgebracht, weil sie ihn verlassen wollte. Schon längst waren seine Geschäfte versandet, nur er schien das nicht zu sehen. Er lebte für die Nacht.

So ging er dahin, seine Augen waren traurig und leer. Gewiß, viel weiß niemand über den anderen. Zumindest weiß niemand, was wirklich den anderen Menschen beschäftigt, wer der andere ist. Aber über ihn schienen die Leute alles zu wissen, er jedoch hörte sie nicht tuscheln.

 

 

Es ist nett, ein warmer sonniger Tag, sehe ich die Menschen, nicken sie mir freundlich zu, ja, sie zeigen mir ihre Anerkennung und ihr Mitgefühl, ich sollte des öfteren vor die Türe gehen. Die Sonne ist warm, so warm wie ihr Körper, wenn wir uns liebten. Es duftet überall nach Frühling, die Vögel singen ein Lied der Liebe, ja alle Welt liebt, denke ich mir, gleich bin ich da, gleich.....schau ein Blumenmeer....ich werde ihr meinem Engel Blumen mitbringen heute Nacht.

Sein Schritt, seine Gestalt war ein Zeichen von tiefer Trauer, manchmal schien er beinahe zu fallen, aber er fing sich schnell wieder und ging weiter seinen Weg. Die Wintersonne stand hoch am Himmel. Es war Mittagszeit. Er ging vorbei am Lazarett, es roch dort nach Tod und Verwesung, es war Krieg und viele starben, er aber blieb stehen. Jeder andere wäre mit schnellem Schritt vorbeigegangen, aber er setzte sich nieder, sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Er schien sich zu freuen über das, was er sah. Sah er nicht das, was dort lag, wer kann es sagen? (Dieses Überbleibsel, was einst ein Mensch war.) Wohin er wohl geht?

Krähen machten sich wieder über den Leichnam her, sie waren aufgeflogen, als er dort gestanden hatte in der Nähe der menschlichen Überbleibsel, die für die Krähen nichts anderes als ihre Nahrung war. So hat ein jedes Lebewesen seine ganz eigene Auffassung von den Dingen, die es umgibt.

Ich sagte doch, daß ich gleich da bin: hier ist es.

Er ist stehengeblieben an einem Haus, an dem selten ein Mensch stehen bleibt, außer er wurde in Ketten hingeschleift: Es war das Haus des Henkers. Hier ich werde gewiß schon erwartet, so denke ich es mir. Laut schallt mein Klopfen.

Langsam öffnet sich die Tür des Henkers.

Ja, sagte der Henker. Er war ein großer Mann, seine Augen waren kalt, sein Gesicht schwülstig. Was wollen Sie? Weiß er nicht warum ich hier bin, aber doch. Er weiß es. Hat er mich doch herbestellt. Was wollen Sie? wiederholte der Henker leicht gereizt. Meine Zeit ist kostbar, als sie damit zu verbringen, von Ihnen angestarrt zu werden. Ich lasse mich nicht beirren, nein, auch dann nicht, wenn er laut wird. Es ist gewiß nur ein Diener meines Advokaten. Ich, lieber Mann, möchte hereingelassen werden, um das zu erledigen, warum ich hierhergekommen bin.

Warum sind Sie überhaupt gekommen, Männlein, sagte der Henker verächtlich. Ich verbitte mir diese Reden, mein Herr, ich möchte sofort herein, mein Leben hängt davon ab. Ach, wenn es so ist, sagte der Henker spöttisch, wenn es um Ihr Leben geht. Er betrat das Haus schleppenden Schrittes. Der Henker sah sich um nach allen Seiten, daß auch niemand ihn beobachtet habe. Von seinem widerlichen Lachen, begleitet fiel die Tür ins Schloß.

Seine Leiche fand sich Wochen später im nahen Fluß, ob er auf dem Eis entlanggegangen war, um schneller zu Hause zu sein, und dabei übersah, daß die Eisdecke ihn nicht hatte tragen können. Man weiß es nicht.

In seinem Hause fand man außer Spinnen und ihren Kunstwerken außer zerschlagenen Möbeln eine Leiche. Nie hatte er sie begraben. Ihr Gesicht es war mit Wachs überzogen. Schön war es auch jetzt noch in ihrem Tode. Ob die beiden sich fanden, beide tot. War das das Ende einer großen Liebe?

Gewiß, viel wird erzählt.

Ich bin glücklich! so glücklich! Wir sind wieder beieinander! Niemals mehr werden wir uns trennen, wir beide. Verliebt sitzen wir hier im Garten Gottes - Hand in Hand. Ihre Augen sagen zärtlich zu mir: Ich liebe dich. Unsere Lippen, sie berühren sich sanft. Jetzt kann uns kein Tag mehr zwingen, voneinanderzulassen. Jetzt lieben wir, leben wir hier ohne Unterlaß.

Die Leute erzählen viel, gewiß er hat seinen Verstand verloren, seit das Liebste von ihm gegangen war, aber ist das ein Grund, schlecht über einen Toten zu reden?

Jetzt liegen die Liebenden hier auf den Acker Gottes Hand in Hand, nebeneinander hat man sie begraben.

Keiner würdigt das Grab eines Blickes. Nur einmal im Jahr wächst ein Blumenmeer aus den Brennesseln, die das Grab ansonsten erobert hatten. Nur einmal im Jahr, im Monat Mai, in dem alle Menschen und alles Getier nur eines im Kopf haben: sich zu verlieben und eins miteinander zu werden.

 

Ende



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