Die Composition eines Bildes

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Eine Kutsche hielt an einem Haus. Gestern erst war der unheimliche Gast eingetroffen, den jeder Mensch früher oder später in seinem Leben zu Besuch bekommt. Meist kommt er uneingeladen, so wie hier. Er blieb lange.

Die Leichenträger trugen vier schwarze Särge aus dem Haus. Ihre Kutsche war weiß. Eigentlich hätte sie schwarz sein müssen, wie der Tod. Aber sie war strahlend weiß, nicht einmal der Staub der Straße konnte ihrem Erscheinungsbild schaden. Zwei mächtige, sehr große Schimmel waren gespannt, in ihrem Schweif trugen sie bunte Bänder. Es war schon seltsam, die schwarzen hageren Männern anzublicken, die an jedem der Särge - einem nach dem anderen - schwer trugen, den sie in die Kutsche hoben. Die Pferde waren unruhig. Sie schnauften, warfen ihre Köpfe immer wieder in die Höhe, so daß die bunten Bänder in ihrem Schweif in die Luft flogen und im Winde flatterten. Die Sargträger trugen Zylinder und man hätte meinen können, daß sie jedesmal, wenn sie für den nächsten Toten hineingingen, ein hämisches Lachen von sich gaben.

Es war eine alteingesessene, tiefgläubige Familie des Dorfes gewesen, die dort tot in der weißen Kutsche lag. Niemand der anderen Dorfbewohner wußte, warum sie gestorben waren - Alte wie Junge, an ein und demselben Tag. Aber niemand von den anderen kümmerte sich auch darum. Es waren ja nicht sie, die in den Särgen lagen.

Die Pferde schienen einen Moment nicht vorwärts zu wollen, zu schwer war es, woran sie ziehen sollten, aber einer der Sargträger hob die Peitsche. Mit einem lauten Surren durchschnitt sie die Luft, um auf dem Pferderücken aufzutreffen. Obwohl die Schimmel plötzlich erschrocken nach vorne trieben, bewegte sich die Kutsche nur sehr langsam von dem Haus, vor dem sie sehr lange gestanden hatte. Es braucht nicht lange, mag man meinen, um vier Särge herauszutragen, und doch hatte es einen ganzen Tag gedauert, bis sie davonfuhren. Niemand schien etwas bemerkt zu haben in dieser Straße. Es war, als hätte die Kutsche nie dort gestanden und als hätte die Familie nie tot in ihrem Hause gelegen, hatte man sie doch noch am Tag davor gesehen. Und so fuhr der Zweispänner dahin, mit all den Hoffnungen der Menschen, die einst in jenem Haus gelebt, gelacht und geliebt hatten. Fast lautlos schwebend zog sie an den vielen Menschen vorbei, die keine Notiz von ihr nahmen. Zumindest hätte es einem Betrachter so geschienen. Niemand blickte auf, unterbrach sein Gespräch, kein Auge folgte der Kutsche, kein Kind hörte auf mit seinem Spiel. Alles war wie immer. Niemand nahm Notiz vom Tod, der an ihnen vorbeizog, aber eines Tages würde er ihr eigener Gast sein, ob sie es wollten oder nicht.

Die Kutsche fuhr bis tief in die Nacht. Das Dorf lag schon viele Meilen hinter den Fahrenden, so auch der Friedhof. Auch dort hatten sie nicht angehalten, wurden dort schließlich schon lange keine Särge mehr in Gottes geweihter Erde beigesetzt. Aber auch dies schien niemandem aufzufallen, denn niemand der Lebenden war lange mehr auf den ewigen Platz der Toten gegangen.

Die bunten Bänder der Pferde flogen in die Luft, sie tanzten lustig im Wind, hinter sich den Tod herziehend. Das Lachen der Leichenträger erschwoll in der Luft - endlich, tief in der Nacht, hielt die Kutsche plötzlich an einer kleinen Hütte inmitten des Waldes. Die schwarzen Herren klopften an die Tür, die sich dann öffnete. Ein Sarg nach dem anderen wurde nun in die Hütte getragen. Es war eine gespenstische Szene - der Wald mit seinen meterhohen Bäumen, deren Willen es war, jedem Wanderer seinen Weg zu versperren.

Die Nacht trug ihr dunkelstes Schwarz. Nur die Hütte erstrahlte im kalten Licht des Mondes. Die Pferde schnauften, unruhig bewegten sie ihre Hufe hin und her. Man hätte nicht vermutet, daß der einzige Raum groß genug gewesen wäre, aber die hageren Männer schafften es, die vier Särge in wenigen Minuten hineinzuschaffen. In dem meilenweit entfernten Dorf hatte es sie einen ganzen Tag gedauert.

Das Häuschen war spärlich eingerichtet. In ihrem Inneren fand sich nichts außer einem Schrank, nicht einmal ein Stuhl oder Tisch. Die Männer öffneten den Schrank, nahmen Kerzen und Spitzhacken. Sie begannen, ein paar Bohlen des Bodens zu lösen, bis sich ein Eingang zeigte - aber wohin führte er? Die Herren murmelten Unverständliches, indem sie immer und immer wieder die Särge umkreisten, erhellt von sechs Kerzen, die sie zuvor aufgestellt hatten. Dann trugen sie die Särge wieder hinaus, auf eine Waldeslichtung. Einer nach dem anderen wurde nun senkrecht in die Erde eingegraben, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war.

Der Sprechgesang der Todesdiener erscholl :

„Was Gott Euch Heuchlern genommen hat, wird Euch unser Herr wieder geben.

Satan, Allmächtiger, laß sie wachsen, auf daß der Wald noch dichter werde.

Hütet Euch, lasst niemand an Euch vorbei, ansonsten wird es Euch schlecht ergehen.

Unser Herr erwartet für seine Gnade, die er Euch erweist, als Bäume in diesem Wald weiter zu leben, absoluten Gehorsam!"

Kaum war das letzte Wort gesprochen, traf der erste Sonnenstrahl die Erde, und es erwuchsen an dem Ort, an dem die Särge in die Erde eingelassen waren, mächtige Bäume, deren starke Äste jedem Wanderer den Weg versperrten.

So erzählen sich die Leute in dieser Gegend. Und heute noch, im Teufelsforst, hat man den Eindruck, daß es nicht nur eine Sage sei. Denn nur schwer ist dort das Fortkommen und der Wald wird immer dichter. Es sind viele gestorben aus dem Dorf und der Umgebung - ohne Zeichen einer Krankheit, von heute auf morgen. Mächtiger und mächtiger wird der Teufelsforst von Jahr zu Jahr, bis heute...



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