Luderskows Welten

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Wie man Selbstmord begeht

 

Einleitung

 

Bestimmt haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, Ihrem Leben ein Ende zu setzen. Und bisher hat Ihnen noch der Mut gefehlt - oder? Betrachten Sie das, was Sie jetzt lesen werden, als Hilfe in der Not. Lesen Sie es aber bitte nur dann, wenn Sie tatsächlich gewillt sind, Ihr kostbares einzigartiges Leben hinzuwerfen. Natürlich sind Sie auch bei mir richtig, wenn Sie es nur als Gedankenspiel mit sich herumtragen: "Wie begehe ich Selbstmord?". Ich weiß, wovon ich spreche. Glauben Sie mir. Also - fangen wir an. Zuerst wäre da die Rechtfertigung für Ihr Vorhaben. Es macht sich gut für die Hinterbliebenen, wenn Sie einen Grund angeben in Ihrem Abschiedsbrief. Das macht Ihren Tod scheinbar weniger sinnlos. Daß er es dennoch bleibt, fällt dann weniger auf. Und es hilft! Zum einen Ihnen, damit Sie Ihren Entschluß auch in die Tat umsetzen und zum anderen Ihren trauernden Hinterbliebenen, die es dann besser verarbeiten können. Liebeskummer würde ich an Ihrer Stelle nicht nennen. Ihre Angehörigen würden dies nicht akzeptieren. Sie würden sich Vorwürfe machen, Ihnen gegenüber unsensibel gewesen zu sein. Es nicht gesehen zu haben, daß Sie unglücklich waren. Das wollen Sie doch nicht, oder? Es ist immer besser, mit einer reinen Weste aus dem Leben zu scheiden und niemanden in Kummer und Sorgen zurückzulassen. Schulden, verschmähte Liebe, vermeintlich keine Zukunftsaussichten - noch viele andere Gründe werden regelmäßig in Abschiedsbriefen aufgeführt. Unbedingt glaubwürdig sind sie alle nicht. Schulden, möglicherweise. Verschmähte Liebe - siehe oben. Keine Zukunftsaussichten - glauben Sie mir, auch hierbei werden Ihre Hinterbliebenen sagen: "Gemeinsam hätten wir das schon geschafft." Und Sie ahnen wirklich nicht, wie schnell Ihre Rechnungen von Ihren reichen Angehörigen posthum beglichen werden! Was böte sich also als akzeptable Begründung an? Eine Kurzschlusshandlung - aber eine wohl überlegte? Nein - es ist kein Widerspruch, wie Sie zu denken geneigt sein könnten! Sie können sich es doch schon vorher eins um andere Mal überlegt haben - und dann, wenn Sie meinen, daß es der richtige Moment ist, schreiben Sie es nieder! Was auch immer Sie in Ihrem Abschiedsbrief als Begründung angeben - nachträglich wird doch jeder Leser einen Ausweg für Sie sehen. Mit Recht. Aber was hilft das Ihnen? Sie haben den Entschluß gefaßt, sich Ihr Leben zu nehmen, also werde ich Sie dabei unterstützen! Wie nun aber kann man sich selbst das Leben nehmen? Sie könnten sich selbst erschießen, sich aufhängen, sich ertränken, sich vergiften, oder sich verbluten lassen. Aber alle diese Möglichkeiten bergen ein Risiko: Sie könnten überleben! Schwer verletzt zwar, aber immerhin - man kann sich so unbeholfen anstellen, daß man seines Lebens nicht mehr froh würde! Mit einem verätzten Magen zum Beispiel. Oder wenn Sie mit Ihrem Revolver an Mund oder Schläfe ansetzen, kann es häßliche Wunden geben, ohne daß Sie Ihr eigentliches Ziel überhaupt erreicht hätten! Der Versuch, sich zu erhängen, kann darin enden, daß Sie lebend lange Zeit nicht gefunden werden. Oder Sie haben den Knoten falsch geknüpft und finden sich dann Tag für Tag im Rollstuhl wieder. Das muß Ihnen ja nicht passieren. Ich will Sie ja auch nur warnen. Sich selbst ertränken - das wäre eine Alternative. Es böte sich hierbei an, daß Sie entweder ohnehin nicht schwimmen könnten (umso leichter fällt es, sich dem nassen Tod in die Arme zu werfen) oder aber sich vorher in Ketten legen oder fesseln lassen. Bitte kommen Sie nicht auf die Idee, zu strampeln oder gar um Hilfe zu schreien. Das wäre nur in Ihrem Interesse, wenn Sie es sich anders überlegt hätten und sich der Verantwortung Ihrem Leben gegenüber doch noch stellen wollen. Auch eignet sich ein "Hilfe, ich ertrinke!" für einen dramatischen Abgang, wenn Sie wirklich wissen, daß niemand überhaupt in der Nähe sein kann. Sie sollten aber in Ihrem Abschiedsbrief erwähnt haben, wo genau Sie zu ertrinken gedenken - Wasserleichen geben auf die Dauer kein schönes Bild ab. Und wie leiden Sie erst, wenn das Wasser über Ihnen zusammenschlägt, Sie mit den Armen rudern, wenn Ihre Kräfte Sie langsam verlassen? Der Tod in der Badewanne ist sicherlich angenehmer - ob bekleidet oder unbekleidet. Machen Sie sich einen schönen Abend! Sie sind dann mit sich allein - wie Sie es immer in Ihrem Leben gewesen waren. Eine Flasche teuren Champagners oder Scotch kann Ihr Wohlbefinden nur noch abrunden. Wenn Sie also in der Badewanne sitzen und das Wasser Ihnen bis zum Hals steht - ist der Alkohol ein vertrauenswürdiger Freund. Ihre Gesundheit braucht Sie ja nicht mehr zu interessieren. Schlaftabletten sind eine ideale Ergänzung. Aus dem Radio, was Sie möglichst an den Beckenrand gestellt haben sollten, lassen Sie melancholische Musik klingen. Weinen Sie ruhig. Überlegen Sie sich, wer Sie so bitterlich enttäuscht hat - wer es ist, dem Sie einfach die Schuld geben können, daß Sie nicht mehr fähig sind zu leben. Irgendwann sind Sie dann eingeschlafen und in Ihrem Badewasser ertrunken. Was aber wäre, wenn der Alkohol allein schon zu Ihrer Zufriedenheit beiträgt? Und Sie gar nicht mehr sterben wollen? Trotzdem verfangen Sie sich berauscht im Kabel des Radios, das herniedersaust und Sie ins Jenseits befördert. Wenn die Polizei dies als Unfall feststellt, ist niemandem damit geholfen. Ihnen nicht und Ihren Angehörigen auf dem Weg zu Ihrer Lebensversicherung schon gar nicht. Ausführliche Nachforschungen werden fragwürdige Einzelheiten über Ihren Geisteszustand zu Tage fördern - und jede Versicherungsauszahlung ist damit in weite Ferne gerückt. Noch eine Anmerkung zum Tode durch Erschießen: Stellen Sie sich vor, Sie wollen nicht mehr leben, halten die Pistole an die Schläfe, drücken mit einem tiefen Seufzer ab - und sind ein Pflegefall für den Rest Ihres Lebens. Muß ich noch mehr sagen? Wählen Sie auf jeden Fall also eine sichere Todesart. Kommen wir nun zur tödlichen Vergiftung. Es gibt eine Unmenge an Giften - informieren Sie sich vorher genau über die Folgen! Unerwünscht wäre es, wenn Sie hierbei nur langsam und qualvoll Ihren Tod finden würden. Welches Präparat das richtige ist, will ich Ihnen nicht vorwegnehmen. Sie haben sicherlich mehr Phantasie als ich bei der Auswahl. Aber nicht alles können Sie legal erwerben! Bei Rattengift sollten Sie die Packungsbeilage beachten. Ratten sterben gewöhnlich dadurch, indem sie innerlich verbluten. Wenn Ihnen aber vorschwebt, daß Ihnen das Blut aus den Ohren dringt, bin ich der letzte, der Sie davon abhalten sollte. Daß Sie überleben, ist nicht unwahrscheinlich. Ohne Magen und mit zerfressenem Darm werden Sie sich selbst und Ihren Familienmitgliedern jedoch nur noch zur Last fallen. Wollen Sie aus dem Fenster springen? Oder von einem anderen hohen Punkt sich aus dem Leben stürzen? Einer Brücke vielleicht? Dann müßten Sie schon sehr verzweifelt sein. Hätten Sie sich dann jedoch die Zeit genommen, diesen Text zu lesen? Sie hätten nichts Eiligeres zu tun gehabt als einfach nur zu sterben. Aber stellen Sie sich vor: Sie springen aus der Höhe ab und just bevor Sie unten aufschlagen - haben Sie es sich anders überlegt. Was jetzt in einem Cartoon ein Einfaches ist, eine imaginäre Leiter wieder hinaufzuklettern, bleibt Ihnen unmöglich. Aber es bleibt Ihre Entscheidung. Lassen Sie sich nicht von den Nachrichten über Selbstmordattentäter beeinflussen! Streben Sie das bitte nicht an. Nicht nur, daß es verwerflich, sondern geradezu verantwortungslos ist, andere mit in den eigenen Tod zu nehmen. Wenn Sie dies aber wirklich wollen, dann überzeugen Sie sich zumindest, daß Sie es mit ohnehin Unglücklichen zu tun haben. Führen Sie Gespräche mit Ihren potentiellen Opfern; erfahren Sie, wie diese zu ihrem Leben stehen! Miteinander reden heißt auch zuhören können - reden bringt Freude in Ihr Leben. Vielleicht ist es sowieso Ihr Problem, daß Sie zu wenig mit anderen sprechen und ihnen zuhören. Ich empfehle Ihnen - bevor Sie aus dem Leben scheiden, lernen Sie es auch. Und wenn es ein ganzes Menschenalter dauert - es wird sich lohnen. Aber ich schweife ab... Wenn Sie davon gehört haben sollten, daß einen Selbstmordattentäter paradiesische Jungfrauen erwarten - wäre es grob fahrlässig von Ihnen, dem auch nur den geringsten Wahrheitsgehalt zuzuschreiben. Woher werden die Jungfrauen dort - wo auch immer Sie hinkommen sollten - denn ständig hergenommen? Und der Beischlaf? Ein Bordell ist sicher auch in Ihrer Nähe. Und ob es ein Leben nach dem Tode gibt, wird nur theoretisch beantwortet. Religiöse Schriften erzählen von Nahtoderfahrungen. Aber den Glauben daran kann ich Ihnen nicht abnehmen. Es ist Ihre Realität, die Sie sich schaffen, wie es auch Ihr eigenes Leben ist, das Sie sich zu nehmen drohen! Denken Sie daran! Jetzt komme ich langsam zum Ende. Ich meine, daß es Ihnen jetzt unter den Nägeln brennen muß, gleich alles ausprobieren zu wollen und hoffe, daß ich Ihnen helfen konnte. Vielleicht habe ich - zu Ihrer Mißbilligung - die ein oder andere Todesart hier nicht betrachtet, aber auf Vollständigkeit habe ich bewußt verzichtet. Wie gesagt - ich weiß (leider), wovon ich spreche, ansonsten wäre ich nicht in dieser Lage. Der Raum hier ist sehr, sehr hoch. Die Wände sind weiß getüncht, ein Fenster fehlt. Licht spendet eine grelle Neonlampe. Ein Bett ist hier, ein Stuhl, auf dem ich sitze, ein Tisch, an dem ich schreibe. "Na, endlich fertig, Artur?" Ein großer, in weiß gekleideter Mann trat an den Tisch, an dem Artur gesessen hatte. "Ja, gleich", sagte Artur. "Ich muß nur noch einen Satz schreiben." Sie sehen, ich muß enden. Ich möchte Ihnen noch etwas ans Herz legen: Bitte leben Sie Ihr Leben in Verantwortung und mit klarem Bewußtsein. Selbstmord ist kein Mittel. Auch sollte man damit nicht einmal im Spaß drohen - es gibt immer jemanden, der kein Spaß versteht. "Hier", sagte Artur. "Nehmen Sie, was ich geschrieben habe. Glauben Sie mir, ich würde niemals mehr den Versuch unternehmen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden." - "Darüber entscheide nicht ich", sagte der große, in weiß gekleidete Mann. "Davon müssen Sie die Kommission überzeugen. Machen Sie es besser als die letzten Male; dann wird es Ihnen sicher gelingen und Sie werden entlassen. Kommen Sie, Artur, es ist Zeit." Zurück blieb ein kalter, einsamer Raum im Neonlicht.

 

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